Interview mit Isabelle Krieg, 19. November 2007, SIK-ISEA

 

Druckversion mit Fussnoten (PDF 0.2 MB)

 

Interview mit Isabelle Krieg (IK)

Geführt von Michael Schmid (MS)

Im Atelier der Künstlerin, Zürich

19. November 2007

 

MS: War es für Dich schon immer klar, dass Du Kunst machen willst? Ist der Traum alt?

 

IK: Der Traum war wahrscheinlich früher bei meinen Eltern da als bei mir, die haben immer gesagt, die wird mal eine Künstlerin, und ich habe als Kind einfach sehr gerne gezeichnet und gebastelt, das war schon eine meiner Leidenschaften. Aber als Kind habe ich immer gesagt, ich werde Clown oder Verkäuferin – aber nur Orangen und Bananen (lacht). Das mit der Künstlerin, das kam erst später, im Gymnasium, da habe ich dann ernsthaft angefangen, mir darüber Gedanken zu machen. Da war aber immer ein grosser Konflikt: Ich konnte mich nicht entscheiden zwischen Kunst/Gestaltung oder Zirkus/Theater, zwischen diesen beiden Strängen. Und da habe ich während einiger Jahre nach der Matura überlegt und viel probiert, einige Sachen angefangen und nicht abgeschlossen. Ich war in einem Kleinzirkus, dann habe ich den Vorkurs gemacht in Luzern, dann die Dimitri-Schule angefangen, danach  zum Textildesign gewechselt... Das war immer ein Hin- und Her-Switchen, und immer wenn ich das eine gemacht habe, habe ich das andere vermisst. Aber in der Dimitri-Schule wurde es mir klar, dass nicht ich, sondern meine Kunst auf die Bühne will und ich eher im Hintergrund bleiben möchte. Und ich merkte, dass es mir so wohler ist und dass ich in der Kunst auch besser bin als auf der Bühne.

 

MS: Und warum? Weil Du da freier bist, in der Kunst?

 

IK: Nein, sondern weil ich es, obwohl es mich durchaus noch immer auf die Bühne zieht, im Endeffekt doch immer zu nervenaufreibend finde, meinen Körper, meine Stimme und mich selbst auszustellen. Es ist mir wohler, wenn ich mich zurücknehmen kann und meine Werke als meine Stellvertreter ins Rampenlicht stelle. Ab und zu mal eine Performance, das liegt drin, aber nicht die Bühne als Haupt-Tätigkeitsgebiet. Ich habe also die Entscheidung getroffen: Adieu Zirkus und Theater, ich gehe in Richtung Kunst und Gestaltung. Aber dann war noch immer nicht klar, was genau: Werde ich nun Zeichnungslehrerin oder Schmuckdesignerin oder Textildesignerin oder freie Künstlerin oder...

 

MS: ...also dann kam die Frage: Gestaltung oder Kunst?

 

IK: Genau, das war lange nicht klar, und daran habe ich eine ganze Weile herumprobiert. Ich wollte, nach meinem Abstecher ins Textildesign, Illustratorin werden, und während des gestalterischen Grundkurses in Luzern den gibt es heute in der Form nicht mehr, das war eine Grundausbildung für visuelle Kommunikation – wurde mir klar, dass ich am allerliebsten freie Kunst machen will. Das war ein langer Prozess, der auch mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun hatte: Mir war es nicht möglich, mit Anfang zwanzig einfach zu sagen: Jetzt mache ich eine Ausbildung in freier Kunst. Aber als es dann endlich klar war, habe ich gleich mit der Kunst angefangen und keine Kunsthochschule mehr besucht.

 

MS: Du hast gesagt, Deine Eltern hätten gesagt, das Kind wird mal eine Künstlerin. Wie haben sie reagiert, als Du ihnen mitgeteilt hast, dass Du professionell Kunst machen willst? Haben sie Deinen Entscheid unterstützt?

 

IK: Ja, das haben sie getan. Ich hatte ja auch im Gymnasium gerne und gut gestalterische Dinge gemacht. Meine Eltern haben das durchaus als realistische Option gesehen. Sie waren eher vorher besorgt und unglücklich über dieses Hin und Her und Nicht-Wissen-Was...

 

MS: ...ja, weil Dich das natürlich auch so ein bisschen zerreisst, und diese Orientierungssuche auch eine Verlorenheit auslösen kann...

 

IK: ...ja, genau...

 

MS: ...aber Dein Elternhaus: Bist Du mit Kunst aufgewachsen?

 

IK: Überhaupt nicht.

 

MS: Das heisst, der Kunstbetrieb war Deinen Eltern fremd?

 

IK: Ja, total fremd. Wir hatten mit Kunst praktisch keine Berührung, in keiner Form, auch nicht punkto Musik oder Literatur oder so. Sehr wenig.

 

MS: Es gibt ja Leute, die in eine Künstlerfamilie hineingeboren werden, und es ist für alle immer klar, dass man nur KünstlerIn werden kann oder nur SchauspielerIn. Und in diesen Fällen gibt es ja nicht nur den natürlichen Umgang mit Künstlern, sondern auch, dass man als kleines Kind an Vernissagen mitkommt. Das gibt eine andere Prägung. Der eine wächst mit der Alois-Carigiet-Lithographie über dem Esstisch auf, ein anderer mit einer Hans-Erni-Serigraphie und der Dritte mit einem Tiger von Rolf Knie... Also, diesen direkten Kontakt mit Künstlern gab es in Deiner Familie nicht?

 

IK: Mit Künstlern gar nicht. Wir hatten aber natürlich schon einige Bilder bei uns zuhause hängen...

 

MS: ...aber die haben jetzt nicht eine Initiation ausgelöst...

 

IK: ...wenn, dann waren es eher Kinderbücher, die mich sehr beeindruckt haben, Bilderbücher, überhaupt Bücher. Ich habe sofort angefangen Schrift abzuzeichnen, bevor ich lesen konnte. Ich fand das interessant...

 

MS: ...kannst Du Dich an die Namen der Bilderbücher erinnern?

 

IK: Die Namen weiss ich nicht mehr. Eines war ein wunderbar gezeichnetes Rotkäppchen-Buch mit dem Wolf und ganz vielen Blumen, und das andere war eine Geschichte eines Mannes, an dessen Baum nur ein einziger, aber riesiger Apfel wuchs, ein trauriges Buch, und dann auch solche 70er-Jahre-Bücher mit vielen Schmetterlingen, dieses ganze verspielte Zeugs, so flower-power-mässig. Also, meine Eltern waren natürlich keine Hippies, aber in den Büchern war das zum Teil so. Und da war ein Buch, das ich ganz unheimlich fand, das mich aber auch gerade deswegen sehr fasziniert hat, da waren die Illustrationen nicht gezeichnet, sondern fotografiert. Das waren so kleine Püppchen im Wald, im Dunkeln, mit Blitz fotografiert. Ausserdem habe ich als Kind kleine Installationen im Garten gemacht mit Gras und bunten Beeren und Glasscherben. Die Installationen habe ich aber nicht ausgestellt, sondern versteckt. Später bin ich dann den üblichen Kitsch-Weg gegangen, irgendwann fand ich Klimt total gut...

 

MS: ...ja, ja, es gibt dann so den Gang durch die Kunstgeschichte...

 

IK: ...Schiele...

 

MS: ...der bei den Impressionisten beginnt oder vielleicht bei Leonard da Vinci...

 

IK: ...ja. Ich kann mich noch erinnern, ich war gleich nach der Matura auf einer Alp und habe mir dann überlegt, was ich danach machen soll und mich dann, ziemlich lustlos zwar, für die Kunstgewerbeschule in Bern beworben, für den Vorkurs, und beim Aufnahmegespräch musste ich sagen, was für Kunstwerke ich gut fände, und dann habe ich denen gesagt, Klimt finde ich gut, ich war damals neunzehn. Sie haben mich auch gefragt, was ich nicht gut finde, und da habe ich gesagt, den Brunnen von Meret Oppenheim finde ich nicht schön... (lacht)

 

MS: (lacht) ... und dann bist Du durchgefallen ...

 

IK: ...nein, ich habe eine sehr gute Prüfung gemacht. Die haben einfach gemerkt, dass ich ungeformt bin. Ich wurde Zweitbeste von den x Bewerbern und bin dann doch nicht in den Vorkurs gegangen, sondern zum Zirkus. Ich war selber sehr erstaunt über das ausgezeichnete Prüfungsergebnis, ich konnte mich ja selbst nicht einschätzen, und als ich erfuhr, ich sei Zweitbeste, da war ich total beeindruckt. Und dann habe ich gedacht, na ja, wenn ich wirklich so gut bin, dann kann ich ja erstmal zum Zirkus gehen, und nach dem Zirkus mache ich einfach nochmals eine Vorkurs-Aufnahmeprüfung, und so ist es dann auch gekommen. Ich habe dann in Luzern den Vorkurs gemacht, und einige Wirren später, habe ich, wie gesagt, die zwei Jahre „Gestalterischer Grundkurs“ belegt mit dem Ziel, Illustratorin zu werden. In diesem Grundkurs lernten wir alles Mögliche, von Typografie über dreidimensionales Gestalten über Trickfilm bis zur Installation. Es war eine sehr vielseitige, dichte und „strenge“ Grundausbildung, die als Vorbereitung für die Höheren Fachklassen für Illustration, Video und Graphic Design diente.

 

MS: Gab es damals gewisse Künstler, die für Dich Vorbilder waren oder deren Werk für Dich wichtig war?

 

IK: Ich hatte damals interessanterweise eine Arbeit geschrieben, in der ich Louise Bourgeois und Meret Oppenheim verglich, weil die ja einen ähnlichen Jahrgang haben und eine ähnliche Laufbahn hätten haben können und zum Teil auch ähnliche Themen haben. Also, Louise Bourgeois war ein Vorbild...

 

MS: ...und ist immer noch eins?

 

IK: Ja, auf eine Art schon. Damals und immer noch ist sie es aber eher durch die Art, wie sie dasteht, was sie sagt und wie sie sich, ihre Kunst und ihr Weltbild erklärt. Ihr Werk und ihren Werdegang  finde ich natürlich ebenfalls hochspannend. Und Roman Signer ist sicher auch eine Art Vorbild, das ist vielleicht relativ banal in der Schweiz, dass man ihn gut findet oder zum Vorbild hat, aber so ist es eben. Ich mag seine Arbeiten sehr, er bleibt immer ehrlich und spannend.

 

MS: Hast Du damals den Film „Signers Koffer“ gesehen?

 

IK: Ja, und nicht nur den.

 

MS: War Signer nicht auch Lehrer in Luzern?

 

IK: Ja, ich habe ihn erlebt, aber leider nur nebenbei. Ich habe ja damals nicht freie Kunst studiert, und er war Lehrer bei der freien Kunst. Er und seine StudentInnen waren im Hof und haben Hügel gesprengt.

 

MS: (Lacht) und Du hast gedacht, Du möchtest auch lieber Hügel sprengen...

 

IK: ...ja, ja, ich habe immer geliebäugelt. Die Kunstklasse war so eine Art Provokation für mich, die mir vor der Nase rumtanzte. Es gab dann mal eine Projektwoche für die ganze Schule mit verschiedensten Angeboten, und ich habe das Fach Performance gewählt, mit Ruedi Schill und Monika Günther. Und diese Woche hat mich dermassen begeistert, dass ich dachte, Performance sei genau das Richtige für mich...

MS: ...auch mit dem Theaterhintergrund...

 

IK: ...ja, ich habe immer etwas gesucht, wo ich das zusammenbringen kann. Ich habe damals auch an Kostüm- oder Bühnenbild gedacht, aber das war es auch nicht. Aber irgendwie bin ich dann doch von der Performance wieder abgekommen.

 

MS: Warum? Performance ist ja auch stark an feministische Theorien gekoppelt, und der weibliche Körper wird darin oft thematisiert.

 

IK: Ich habe Performance überhaupt nicht als feministisch angesehen. Ich habe sie einfach geliebt, weil sie so direkt war. In dieser einen Woche fühlte ich mich allmächtig ...

 

MS: ...das Unmittelbare, das Flüchtige ...

 

IK: ...es war eher so: Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, auf jede Situation, die mir begegnete,  antworten zu können. Ich habe mich unglaublich kreativ und spontan und schlagfertig gefühlt nach dieser Woche, und das war wunderbar. Wir wollten dann auch eine Performancegruppe aufziehen in Luzern mit den Leuten, die da mitgemacht hatten, das ist dann aber alles im Sande verlaufen. Und ich war weiter auf der Suche...

 

MS: ...da warst Du Anfang, Mitte zwanzig...

 

IK: ...ja. Aus irgendeinem Grund hat das Feuer dann aber doch zu wenig lange gehalten, als dass ich mir gesagt hätte, so, jetzt gehe ich zu Marina Abramovic und lerne das Handwerk. Denn das war genau das, was ich gebraucht hätte: eine Meisterin oder einen Meister. In meiner Umgebung gab es aber niemanden, den ich als Meisterin oder Meister akzeptiert hätte...

 

MS: ...ich meine, in Basel gab und gibt es ja schon eine aktive Performance-Szene rund um den Kaskadenkondensator...

 

IK: ...ja, und ich habe mir nach dieser Projektwoche auch sehr viele Performances angeschaut, in Basel, in Bern, überall, und dann wurde ich teilweise sehr enttäuscht, ich fand, dass da, nebst guten und lustigen, auch ein paar ganz schlechte Sachen gezeigt wurden, und der Mythos Performance fiel ein wenig in sich zusammen, meine Begeisterung legte sich und die Überzeugung kam mir abhanden. Ich war damals sehr streng in meiner Suche, ich suchte das 100% Richtige für mich, das es natürlich nicht gab. Diese Suche hat etwa vier oder fünf Jahre gedauert, so quasi die Zeit einer Ausbildung. Nach diesen fünf Jahren wusste ich, was ich wollte, nämlich freie Kunst machen, hatte aber keine Lust mehr auf Schule. Ich hatte dann gleich das grosse Glück, das Atelier des Kantons Freiburg in Berlin zu gewinnen. Und zwar habe ich mich mit diesen Arbeiten beworben, die in den Jahren der Suche entstanden sind. Ich konnte eine schöne Mappe vorlegen, und in Freiburg ist die Konkurrenz natürlich nicht so riesig, so habe ich das Atelier zugesprochen bekommen. Ich war ausser mir vor Freude. Und das war dann mein Startschuss.

 

MS: Ist Deine Arbeit Die Welt entdecken schon in Berlin entstanden?

 

IK: Ja.

 

MS: Ich kenne Dein Werk ja noch nicht so lange, vielleicht zwei-drei Jahre, und das waren die ersten Dinge, die ich mitgekriegt habe. Auch die Arbeit Unerledigt mit den Kaffeetassen. Ist die auch damals schon entstanden?

 

IK: Ja, diese Arbeit ist auch in Berlin entstanden.

 

MS: ...gibt es Gründe dafür? War Berlin die grosse Freiheit, wo Du neue Leute kennengelernt hast, die Dich beeinflusst hatten?

 

IK: Es waren nicht die Leute. Berlin als Stadt war für mich das Beste, was mir passieren konnte, ich kann gar nicht so genau sagen, warum. Ich hatte auch schlicht zum ersten Mal in meinem Leben ein Atelier, wo ich ernsthaft arbeiten konnte...

 

MS: ...das Atelier hat Dich zur Künstlerin gemacht...

 

IK: ...ja...

 

MS: ...das war für Dich wie ein Mantel...

 

IK: ...es war ein Handlungs-Raum. Ich habe gemerkt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich habe mich in Berlin sehr wohlgefühlt, ich hab da gute Freunde gefunden, da waren zum Teil auch Künstlerinnen dabei, aber das war gar nicht so wichtig.

 

MS: Das waren Zufallsbekanntschaften?

 

IK: ...ja, zum Teil. Aber vor allem Freunde von alten Schweizer Freunden, die vorher schon nach Berlin ausgewandert waren.

 

MS: ...hast Du im Umfeld Deines Ateliers nicht auch andere Kunstschaffende kennengelernt?

 

IK: Doch. In meinem Haus waren drei Ateliers: Unter mir war das des Kantons Basel und oben das Schriftstelleratelier des Kantons Zürich. Ich war sechs Monate da. Die Kulturattachés der Schweizer Botschaft haben uns auch mit den anderen Schweizer Stipendiatinnen bekannt gemacht, das war gut. Nach dem Atelieraufenthalt bin ich einfach in Berlin geblieben und habe mir eine Wohnung genommen und mich so durchgeschlagen. Viele meiner Freunde haben lange nicht gewusst, was ich kunstmässig eigentlich mache. Das war gar kein Thema bei mir, und ich wollte es auch nicht unbedingt zeigen. Es war mir einfach nicht wichtig. Ich habe ziemlich im Verborgenen gearbeitet. Die Weltkarten-Arbeit, die haben dann alle als Erstes von mir gesehen. Es gab eine Gruppenausstellung in einem leerstehenden Haus, da habe ich ein Zimmer bespielt, und das hiess „Weltraum“. Die Weltkarten waren in diesem Zimmer konzentriert, und es sah so aus, als ob dort ein Obdachloser oder eine Obdachlose gehaust hätte. Und in den Spuren waren die Weltkarten versteckt. Es gibt auch ein Büchlein davon, in dem alles fotografisch festgehalten ist.

 

MS: ...ja, weil es natürlich nachher weg ist.

 

IK: ...meine KünstlerkollegInnen haben mich auch ein bisschen dazu gepusht. Sie haben gesagt: Mach eine Dokumentation, mach ein Büchlein. Nur deswegen ist es entstanden, und die Leute lieben es. Es ist erstaunlich, diese Arbeit kommt sehr gut an. Wahrscheinlich, weil sie so eingängig ist. Die Werbung arbeitet ja auch mit ähnlichen Techniken. Die Grünen der Schweiz haben jetzt eine Werbung gemacht...

 

MS: ...genau, da habe ich mir gedacht, das haben sie bei Dir abgeschaut, ein Glacé, das zerläuft...

 

IK: ...ich kann es natürlich nicht beweisen. Es gibt auch Reisebüros, die haben Wolken im Weltkartenform, etc. Und das hat sicher nichts mit meiner Arbeit zu tun...

 

MS: ...aber bei den Grünen habe ich mir gedacht, das haben sie von Dir, aber ich weiss es natürlich auch nicht. Oder ist das jetzt schon visuelles Gemeingut...

 

IK: ...ja, vielleicht. Jedenfalls, bei mir entstand die Arbeit aus Berlins wilden Ecken heraus. Berlin war als Stadt sehr inspirierend für mich...

 

MS: ...du warst seit 1999 da...

 

IK: ...ja, von 1999 bis 2003. Berlin hat meinem Kunstschaffen sicher gut getan durch das Raue, Weite, nicht so Durchorganisierte. Man kann viel entdecken, viel improvisieren. Es war auch gar nie die Idee, dass ich von Berlin wieder weggehe. Das war eher eine Schicksalswende. Ich bin 2003 ein knappes Jahr nach Rom gegangen, ins Istituto Svizzero, und es war klar, dass ich danach wieder nach Berlin zurückkehren würde. Aber in dieser Zeit hat sich mein ganzes Privatleben verändert, und deswegen bin ich nicht mehr nach Berlin zurückgegangen, sondern nach Zürich, wegen der Liebe. Aber der Grund, warum 2003 überhaupt das Bedürfnis aufkam, eine Zeitlang aus Berlin wegzugehen, war eigentlich der, dass ich kein Geld mehr hatte und mich in einem Teufelskreis aus „schlechtbezahlte Jobs machen und deswegen keine Zeit für die Kunst mehr haben“ befand. Es wurde immer schwieriger, sich mit Jobs über Wasser zu halten. Das machte mich unzufrieden, und ich wollte etwas ändern.

 

MS: Und hast Du etwas verkauft in dieser Zeit? Hast Du Kontakt mit Galerien gesucht?

 

IK: Nein, das war alles noch ganz in den Kinderschuhen und unabhängig. Aber ich habe 2001 – sehr überraschend für mich – ein fettes Stipendium der Vordemberge-Gildewart Stiftung gewonnen. Das kam praktisch über Nacht. Und das war super. Leider habe ich das Geld schnell über die Runden gebracht. In Berlin könnte man lange davon leben, aber ich habe zuerst eine grosse Zahnoperation und dann eine weite Reise durch Zentralasien und China gemacht.

 

MS: In Berlin warst Du ja auch in einer Frauengruppe, die singt, ich habe davon ein Bild gesehen...

 

IK: ...ja, die Krassnajas. Das war auch grossartig.

 

MS: Wie hast Du die kennengelernt?

 

IK: Ich habe die mal singen gehört, war total begeistert und habe sofort gefragt, ob ich mitmachen kann. Die Krassnajas sind im Dunstkreis der Hausbesetzer-Szene entstanden, vor jetzt etwa zwölf Jahren. Ich habe mich auch in diesem Umfeld bewegt. Das eine Haus heisst KuLe (Kunst Leben) und das andere K77, es gibt sie noch immer. Ich sang also mit und habe aus den Krassnajas heraus gute Freundinnen gewonnen. Die Ideologie der Krassnajas ist ziemlich Punk...

 

MS: ...Punk heisst, man kann alles selber machen und zwar jetzt...

 

IK: ...ja, wenn man nicht singen kann, ist es egal und man kann trotzdem mitmachen. Und wir hatten dann auch den Ruf der ewigen Dilettantinnen, was auch gestimmt hat. Wir haben nur russische Lieder gesungen, aber es war keine von uns Russin (lacht). Das war ziemlich schräg. Wir sind auch an Hochzeiten aufgetreten, und manchmal haben die dann gemeint, wir seien echte Russinnen (lacht). Das war sehr lustig, wirklich. Die Krassnajas haben mich ziemlich geprägt. Aber da waren auch Zicken dabei, das war eine echt harte Schule. Am Anfang muss man in dieser Gruppe die Zähne zusammenbeissen, weil man von gewissen Frauen nicht freundlich aufgenommen wird, umso mehr vielleicht, wenn man Schweizerin ist. Die fragen dann, was will denn die da? Aber ich habe mich davon nicht beeindrucken lassen, und ganz allmählich wurde ich dann auch für voll genommen. Und dann wurde es toll. Ich hab da die lustigsten, aber auch die peinlichsten und schlimmsten Momente meines Lebens erlebt (lacht), wo ich hätte im Boden versinken wollen...

 

MS: ...aber Du bist da ja nicht alleine...

 

IK: ...ja, aber manchmal hatten wir Konzerte zugesagt, und dann ging der Termin plötzlich doch fast keiner von uns, und dann standen wir zu viert auf der Bühne und sangen dreistimmige Lieder. Und wenn da jemand nicht sicher ist mit seiner Stimme, das hört sich dann schnell ganz schrecklich an.

 

MS: Und das Publikum war aber darauf vorbereitet?

 

IK: Naja. Das Publikum war zum Teil recht hart. Das Schlimmste war mal im SO36 in Kreuzberg, da haben wir als Pausenfüller an einem Bingonachmittag gesungen, es gibt da so eine eingefleischte Bingogemeinde. Das waren alles Punks, und da haben wir gesungen, und das hat sich furchtbar angehört, und da haben die geschrien: „Aufhören! Aufhören!“ (lacht) Und wir sind dann einfach so mitten in einem Lied von der Bühne „ghaset“. Das war wirklich schlimm. Aber es gab auch das andere, dass wir die Leute zu Tränen gerührt haben vor Schönheit, weil es so eindrücklich war, wenn wir mal richtig gut sangen. Es war auf jeden Fall immer inbrünstig und mit einer Menge Wodka getränkt. Wir haben die Ansagen jeweils dreisprachig gemacht, auf Russisch, Deutsch und Französisch oder Englisch, das gab dann auch immer Missverständnisse, was zu einiger Heiterkeit geführt hat. (Pause.) Das war eine herrliche und wichtige Zeit für mich. Ich war dann sehr traurig, als ich nicht mehr in Berlin war und plötzlich in diesem komischen Rom gesessen bin und dann im mir zuerst auch sehr fremden Zürich...

 

MS: ...aber Berlin ist kein Thema mehr für Dich...

 

IK: ...doch, immer noch (lacht). Aber vielleicht ist es nur Sentimentalität, denn es hat sich viel verändert. Ich gehe aber immer wieder hin und besuche meine Freunde, und könnte mir gut vorstellen, wieder fest dort zu leben. Es fiel mir aber schon damals alles andere als leicht, wegzugehen von Berlin, und jetzt bin ich seit drei Jahren in Zürich, und ich bin Mitte dreissig, und ich kann nicht mehr so einfach switchen. Ich habe jetzt hier auch gute Freunde, und das macht es einem schwer, wieder zu gehen. Im Moment stelle ich mir so eine Halb-Halb-Lösung vor, eine Wohnung in Zürich, eine in Berlin, aber nur als Übergang. Aber da braucht man auch das Geld dazu...

 

MS: ...aber wie war es denn in Rom, im Istituto Svizzero? Es ist ja ein super Gebäude, aber irgendwie bist Du dann schon sehr alleine, abgesehen von den anderen Stipendiaten.

 

IK: Man sozialisiert sich mit den anderen SchweizerInnen im Institut und mit den anderen ausländischen StipentiatInnen in Rom, und das ist nicht besonders interessant. Ich habe mich da nicht besonders wohlgefühlt. Es herrschte eine strenge und verstaubte Atmosphäre im Institut, wie in einem Internat.

 

MS: Und wie war das Kulturleben in Rom? Ich hatte immer den Eindruck, dass Italien für uns Schweizer zwar sehr nah ist, zugleich aber eine völlig andere Kultur hat, auch im Gegensatz zu Berlin oder Wien.

 

IK: Es war für mich erstaunlich, wie klein und überschaubar die römische Kunstszene war. Und eher langweilig. Wir mussten uns teilweise so richtig vornehmen: Komm, jetzt gehen wir mal wieder an eine Vernissage. Meistens wurden wir enttäuscht, es gab nicht viel Interessantes, ganz selten gab es etwas Lustiges. Öfter gingen wir an Vernissagen der anderen Auslands-Institute. Aber es gab eine ziemlich aktive römische Truppe, trans:it, die haben gute Aktionen im öffentlichen Raum gemacht, und später ein Buch, „the (un)common place“ herausgegeben . Trotzdem wurde ich nie so richtig warm mit der Kunstszene, es war wirklich zu fremd, zu „retro“. Ich habe mich dann eher in der Elektromusik-Szene bewegt, das war spannender, und habe mich kunstmässig lieber an die dreitausendjährige Geschichte gehalten und mich davon inspirieren lassen.

 

MS: Trotzdem hast Du im Schweizer Institut ein paar Arbeiten gemacht. Zum Beispiel die Arbeit Schaumschauen. Man sieht sie auch auf Deiner Website. Sie ist so luftig, der Schaum entschwebt in den Himmel. Ich sehe mir die Arbeit immer wieder an und denke jedes Mal: So leicht kann das Leben sein!

 

IK: Ja, diese Arbeit war wie ein Geschenk... Sie hatte ihre Eigendynamik, die viel besser war als das, was ich geplant hatte. In Rom entstand auch die Idee für die Intervention Maman mit der Westschweizer Zeitung La Liberté. Auf allen Fotos, auf denen Menschen abgebildet waren, zeichnete ich Sprechblasen neben ihre Köpfe, in denen Maman stand, und die Zeitung wurde so gelayoutet und gedruckt. Das war zum Muttertag 2004.

 

MS: ...und dann gibt es diese Arbeit Überfluss, wo Du hoch auf dem Turm des Istituto Svizzero stehst, ans Balkongeländer gelehnt, und Wasser aus „Deinen Brüsten“ in den Park hinabspritzst. Hast Du diese allegorische Darstellung der Milchstrasse auch in Rom kennengelernt?

 

IK: Ja, es ist aber keine allegorische Darstellung der Milchstrasse, sondern eine Fruchtbarkeitsgöttin als Brunnenfigur. Ich habe in einem Roman aus der Renaissance, der „Hypnerotomachia Poliphili“ (Der Traum des Poliphilo), zum ersten Mal eine Illustration einer „Grazie“ als Brunnenfigur gesehen, die aus ihren Brüsten Wasser spendet, und diese Zeichnung hat mir gefallen, das hatte für mich etwas comic-mässiges, und ich wollte damit eine Arbeit machen. Da ich im Turm-Atelier arbeitete, konnte ich gleich von meinem Balkon aus agieren. Diese Arbeit ist, wie Schaumschauen, im Rahmen des Performance-Festivals Mezzo Cielo entstanden, das Hans Christoph von Tavel organisiert hatte. Es gab ja in jener Zeit einen Direktorenwechsel am Institut. Dieter Bachmann ist mitten im Jahr gegangen, und Hans Christoph von Tavel ist für ihn eingesprungen. Das war sehr schön für uns, dass mit ihm jemand so engangierter gekommen ist. Er hat in kürzester Zeit die Gelder organisiert für das Performancefestival.

 

MS: In dieser Performance kommt es mir so vor, als ob Du mit dem Wasser, das aus Deinen Brüsten spritzt, Rom begrünen wolltest oder belebst, das steinerne Rom, erdrückt von der Last seiner eigenen Geschichte...

 

IK: ...ja, ich hatte in Rom das Gefühl, dass sich da keine lebendige Kunstszene entwickeln kann, gerade wegen dieser erdrückenden Last der Geschichte. Ich finde das auch nicht weiter schlimm, man muss ja auch nicht den Anspruch haben, dass Rom jemals so etwas wie Berlin werden könnte... Und zur Performance Überfluss möchte ich noch bemerken, dass ich mich da wirklich wie eine Göttin gefühlt habe, und das war sehr schön. Ich habe mich auch gleichzeitig wie ein Mann und eine Frau gefühlt, wegen dieses „Sich-Ergiessens“. Aber das kann ich vielleicht nur sagen, weil ich keine Mutter bin. Ich glaube, Frauen, die Mutter geworden sind, die kennen das Gefühl, dass sie überquellen... Ich wurde ja auch öfters von Frauen gefragt, ob ich Mutter sei, weil gewisse von meinen Arbeiten dieses Mütterliche haben. Und dann war ich immer so ein bisschen befremdet...

 

MS: ... befremdet, weil „Mutter-Kunst“ negativ konnotiert ist?

 

IK: Ja, und ich komme ja gar nicht aus dieser Ecke. Ich kann es unterdessen natürlich nachvollziehen, dass ich irrtümlicherweise manchmal da hineinschubladisiert wurde...

 

MS: ...warum?

 

IK: Na, ja, die Leute wollen sich gegenseitig immer gerne einordnen, und dann suchen sie halt Anzeichen im Werk. Und wenn da jemand eine Überfluss-Performance oder eine Arbeit wie Milchstrasse macht, die aus einer Ansammlung von weissen weichen Brüsten besteht, dann steht man schnell in der „Frauen-Kunst-Ecke“, und das ist leider noch immer sehr despektierlich gemeint. Aber ich sehe mich dort nicht, diese Arbeiten sind nur ein kleiner Teil meines Gesamtwerks. Doch es gab mir zu denken. Ich hatte bis dahin einen recht unbekümmerten Zugang zu meinen Werken, ich machte einfach immer, worauf ich Lust hatte und scherte mich nicht gross darum, ob zum Beispiel jemand in den 70er-Jahren schon etwas Ähnliches gemacht hatte. Aber unterdessen bin ich vorsichtiger und besonnener geworden.

 

MS: Was mir bei Deinen Arbeiten auffällt, ist, dass Du oft von Begriffen ausgehst, die zweideutig gelesen werden können. Die Arbeit Abendbrot thematisiert nicht einfach das Abendessen, sondern zeigt sich bei Dir als Brote, die Du aushöhlst, von innen beleuchtest und in die Bäume hängst, so dass sie feuerrot zu glühen scheinen. Und in einem Katalog hast Du sogar ein „Stichwortarchiv“ abgedruckt, das Dir als Ausgangspunkt für Deine Arbeit dient, zum Beispiel „Hütte“ oder „Äste“...

 

IK: ...eigentlich sind das Merkzettel für kommende Arbeiten. Am Anfang waren das Post-it-Zettel. Und ich habe das Stichwort-Archiv angelegt, damit mir keines entwischt oder dass ich immer darauf zurückgreifen kann. Ich brauche die Zettel jetzt nicht mehr physisch, die sind nun in meinem Kopf. Das Ganze ist so etwas wie mein Werkzeugkasten. Der wächst immer weiter oder dann wird wieder mal was rausgeschmissen, was abgearbeitet wurde. Manchmal sind es auch mögliche Titel kommender Arbeiten. Oder es sind einfach Dinge, die mich faszinieren: Es können Materialien sein, es kann ein Wort sein, bei dem ich merke, dass es etwas in mir zum Schwingen bringt. Und es gibt eine eigene Ordnung: Oben ist „Himmelszeug“, unten ist Erde, Staub, Kohle und Hölle. Links ist der Beginn, Vorwärtsbewegungen, die Natur, und rechts kommt der Mensch ins Spiel und menschliche Errungenschaften und Produkte.

 

MS: Was mir auch aufgefallen ist bei der Arbeit Nichts verloren, wo Du diese verkohlten Äste hast und in der Mitte die Diskokugeln, ist dieses Spannungsfeld zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen. Die Diskokugeln – für mich ein Symbol der Superartifizialität – die an die 80er-Jahre-Plastic-Disco-Zeit erinnern und die verkohlten Äste, die an einfache Feuerstellen erinnern. Das Bild wirkt auf mich intensiv, weil es die menschliche Kultur spiegelt oder alles, was in ihr angelegt ist: Vom Höhlenbewohner bis zum Cyborg, alles parallel und künstlich überbaut. Der Mensch ist zum einen so hochintellektuell und gleichzeitig ein Tier, das hasst und liebt. Es ist ein Spannungsfeld, und das sehe ich in verschiedenen Arbeiten...

 

IK: ...ja, diese Kontraste kommen in meinen Arbeiten immer wieder vor, intuitiv. Ich kombiniere diese Gegensätze gerne. Zum Beispiel im Werk Sophisticated Shelter, einer Survival-Hütte, da gibt es den Kontrast zwischen dem primitiven Astwerk und den künstlich hergestellten, silbern-goldenen Rettungsdecken. Das geht auch in diese Richtung.

 

MS: Du hast ja auch die Arbeit I Refuse To Be Depressed Or Frustrated gemacht. Sind diese Buchstaben-Äste (weist auf einen verkohlten Ast im Atelier) Überbleibsel dieser Arbeit?

 

IK: Ja. Das ist ein Dollarzeichen, das ich aus einem übriggeblieben „S“ gemacht habe. Die neue Arbeit heisst Dollar Burned Tree, ich habe sie für die Ausstellung The Art of Failure im Kunsthaus Baselland gemacht. Und das „F“, mit dem daran aufgehängten Schmetterlings-Handtäschchen, das vorne in meiner Ausstellung steht, ist auch noch ein übriggebliebener Buchstabe von diesem Satz. Diese Arbeit heisst jetzt The Tree of Foolishness.

 

MS: Auch in der Arbeit I Refuse To Be Depressed Or Frustrated finde ich eine starke Dynamik. Im Buch zur Ausstellung dieser Arbeit gibst Du an, welche Bilder Dir als Vorbilder gedient haben. In diesem Fall sind es Bilder vom Krieg, in dem nur verkohlte Bäume und schlammiger Boden übrigbleiben. Das ist ja ein Bild für den Tod. Auf der anderen Seite wird durch die tote Materie eine sehr starke Aussage gemacht, nämlich, dass man dem sein Leben entgegensetzt, und dass man sich weigert und dass man nicht bereit ist, totes Holz im Wasser zu sein und mitgeschwemmt zu werden. Dass man dem vielmehr die eigene Vitalität oder das eigene Blut entgegensetzt.

 

IK: Ja, danke (lacht). Du sagst das sehr schön. Ich wollte ein düsteres Bild schaffen, das trotz so vieler negativer Komponenten – also tote Bäume und die drei negativen Worte „Refuse“, „Depressed“ und „Frustrated“ – eine unbedingt lebensbejahende Botschaft aussendet. Dieser Satz „I Refuse To Be Depressed Or Frustrated“, der stammt von einem Freund von mir, einem Musiker aus Rotterdam, der hat das vor vielen Jahren einmal nebenbei in einem Gespräch gesagt, und das hat mich sehr beeindruckt, und ich habe das nie vergessen. Für diese Ausstellung habe ich den Satz wieder aufgenommen, weil ich fand, dass er extrem gut passt und dass er meine Antwort ist auf das Ganze, was einen runterziehen will im Leben und auch auf das kriegerische Geschehen. Handkehrum habe ich dann erst im Nachhinein, als ich länger darüber nachgedacht hatte, gemerkt, dass jemand, der es nötig hat, einen solchen Satz zu sagen, in diesem Moment vielleicht tatsächlich frustriert oder deprimiert IST...

 

MS: ...gefährdet ist und kämpft...

 

IK: ...denn jemand, dem es gut geht, der kommt nicht auf die Idee, sowas zu sagen. Einerseits schwingt das stark mit, das, was Du gesagt hast, das Kämpferische, und andererseits...

 

MS: ...die Verletzlichkeit, die Not...

 

IK: ...ja, dass das eben auch da ist oder einen anfallen will oder in einem drin ist und man sich eben genau dagegen wehren muss. Damit oute ich mich als eine, die durch solche Dinge gefährdet ist, durch Schwermut und Zweifel und Melancholie und depressive Anflüge.

 

(Pause).

 

MS: Viele Deiner Arbeiten sind ja installativ, aber bisher habe ich keine Malerei von Dir gesehen. Das, was Du machst, ist ja keine Kunstmarkt-Kunst. Der Kunstmarkt will rechteckige Flachware für übers Sofa. Deine Arbeiten sind so sperrig... Du hast am Anfang des Gesprächs gesagt, Du machest nur das, was Dich im Moment gerade interessiert. Aber haben Kunstmarkt-Formate wie die Malerei oder die Zeichnung einen Einfluss aufs Schaffen?

 

IK: Bisher musste ich mir diese Frage nicht stellen, weil es immer wunderbarerweise irgendwie funktioniert hat mit dem Geld. Ich konnte immer genau das machen, was ich Lust hatte.

 

MS: Ist ja auch eine Gefahr, wenn man merkt, gewisse Arbeiten laufen besonders gut, und das mischt sich dann in den kreativen Prozess ein.

 

IK: Das ist bei mir noch nicht so. Ich sage, noch. Es hat ja jetzt angefangen, dass die Leute mehr und mehr Interesse haben an meiner Arbeit und gerne Sachen kaufen wollen. Was ich sehr gut verkauft habe, sind die Fotos der Arbeit „Die Welt entdecken“. Ich habe bisher nie gefunden, dass ich mein Schaffen ändern muss. Aber es ist für mich sowieso nach all den riesigen Arbeiten so, – die Ausstellung im Centre PasquArt Biel, das war ein Fläche von 666 m², die innerhalb kürzester Zeit konzipiert und aufgebaut werden musste – dass ich jetzt sowieso auch mal was Kleineres machen will, etwas Handlicheres, damit ich nicht dieses ewige Rumgeschleppe habe und alles lagern muss. Und ich muss ausserdem sagen, dass ich früher sehr gerne gemalt habe...

 

MS: ...aber von den Arbeiten, die ich gesehen habe, war wenig Malerei...

 

IK: ...ich glaube, es ist nirgendwo eine Malerei veröffentlicht, ausser wenn man die Arbeit Unerledigt, wo ich in Porzellantassen mit Kaffee Portraits aus den Tageszeitungen male, wenn man also diese Arbeit als Malerei verstehen will. Aber ich habe diese Lust nach dem Malen nie verloren. Allerdings habe ich damals in Berlin auch ein bisschen gemalt und bin dann regelmässig beim Malen eingeschlafen...

 

MS: (lacht)

 

IK: ...das hat mich eingeschläfert. Ich weiss nicht warum, ob das vielleicht sogar an der Ölfarbe lag, am Terpentin (lacht). Nein, aber ich könnte mir vorstellen, auch wieder mehr zeichnerisch zu arbeiten. Ich habe eine Zeit lang ja Filzstiftzeichnungen gemacht. Das würde mich auch wieder reizen oder auch Zeichnung allgemein, weil man dafür so frei sein muss, so spontan auch. Ich habe auch schon ewig nicht mehr gezeichnet.

 

MS: Was meinst Du mit frei sein?

 

IK: Eine Zeichnung zu machen, die nachhaltig spannend ist, das finde ich etwas ganz Schwieriges. Die muss so eine Leichtigkeit haben. Ein Spiel mit der Kontrolle und dem Loslassen. Ich weiss auch gar nicht, ob ich das kann. Es gibt Leute, die können das. Aber das interessiert mich, und wenn ich irgendwo eine gute Zeichnung sehe, dann bin ich immer ganz entzückt. Es kann also sein, dass ich mich an das heranwage.

 

MS: Gibt es Kunstschaffende, die Du zurzeit intensiv verfolgst? Oder sagst Du Dir, dass es Dir im Moment nicht so wichtig ist, was andere machen?

 

IK: Ich finde es – unterdessen – wichtig zu beobachten, was andere machen. Ich habe nicht direkt ein Vorbild, aber es gibt natürlich viele Künstlerinnen und Künstler, die ich interessant finde und bei denen ich gerne beobachte, wohin die weitergehen. Aber das ändert sich auch immer wieder mal. Das sind Kunstschaffende aus ganz verschiedenen Bereichen. Ich finde es wichtig, schauen zu gehen, was passiert, was machen die anderen, und ich würde das auch gerne viel mehr tun...

 

MS: ...du hast in der letzten Zeit viele Ausstellungen gemacht...

 

IK: ...ja, ich war in der letzten Zeit super überbeschäftigt, und deshalb hatte ich nicht viel Gelegenheit, mir Kunst von anderen anzuschauen.

 

MS: Was geschieht, wenn Du gute Kunst von anderen siehst? Bilden die Arbeiten der Anderen für Dich eine Art Koordinatensystem, in dem Du Dein eigenes Schaffen situierst?

 

IK: Ja, das mit dem Koordinatensystem ist ein gutes Bild. Wenn ich etwas gut finde, macht mich das glücklich, und ich baue das in meine Welt, in mein Wertesystem ein. Und dann gehört es zu mir, oder ich zu ihm, und meine eigene Arbeit ist auch Teil dieses Koordinatensystems.

 

(Pause).

 

MS: Du hast einmal in einem Interview gesagt, Natur sei für Dich sehr wichtig, aber Du kämest eigentlich nicht dazu, so viel in der Natur zu sein, wie Du das gerne wärest. Das erstaunt mich nicht, wenn ich Dein Werk verfolge. Welche Art der Naturerfahrung ist für Dich wichtig?

 

IK: Das ist eine romantische und sinnliche Erfahrung, wo ich mich aufgehoben und glücklich fühle in der Natur, das geht bis ins Erotische. Manchmal bin ich in Landschaften verliebt.

 

MS: Und das ist für Dich immer positiv besetzt?

 

IK: Ja, weil die Natur als Gefahr, das kenne ich zum Glück nur aus seltenen Fällen, und das ist für mich weniger ein Thema in der Kunst. Wenn ich in der Natur bin, und ich merke, jetzt gehts ans Lebendige, z.B. wenn ich in die Berge gehe, und ich habe Angst vor Lawinen, da hört für mich die Inspiration auf. Da geht es nur noch um Konzentration, Vernunft, Respekt.

 

(Pause).

 

MS: Ich möchte zum Abschluss fragen, welches Deine nächsten Projekte sind.

 

IK: Ja, in zehn Tagen fliege ich nach Aserbaidschan. Ich wurde spontan zur Biennale in Baku eingeladen, ich werde da die Schweiz repräsentieren (lacht). Und das Ganze ist sehr kurzfristig entstanden und dementsprechend muss man auch improvisieren. Ich werde dort nochmals die Arbeit Nichts verloren zeigen, die Arbeit mit der Feuerstelle und den Spiegelkugeln. Mal sehen, wie gut die Spiegelkugeln noch drauf sind, die waren drei, vier Monate im Freien, in einer Ausstellung in Sachseln. Und wahrscheinlich zeige ich noch die kleinen Abendbrote, das muss man sehen. Danach möchte ich so ein bisschen Winterschlaf machen, der wird aber leider kurz. Dann im Februar 2008 ist eine Arbeit mit einer Galerie geplant, mit Artrepco in Zürich. Dann kommt eine Gruppenausstellung in Luzern, im Kunstpanorama. Im Sommer ist eine grosse Übersichtsausstellung der aktuellen Schweizer Kunst im Kunsthaus Zürich zum Thema Identität geplant, namens Shifting Identities, darauf freue ich mich. Und es gibt noch eine Ausstellung im Freien, in Bex. Und dann für Herbst wurde ich vom Kunstmuseum Solothurn angefragt, die Tassenarbeit Unerledigt zu zeigen, in der Ausstellung Speicher fast voll , in der es um Ordnung und Unordnung geht. Und danach zeige ich in Ljubljana am City of Women Festival eine neue Arbeit im öffentlichen Raum, die ich zusammen mit Marianne Engel entwickle. Im November gibt es eine Gruppenausstellung im Kunstmuseum Bern über das Autobiografische in der Kunst namens Ego Documents, wo ich meine Arbeit Curriculum in neuer Fassung zeige und eine Performance dazu mache. Und dann ist hoffentlich Zeit für eine kleine Ferienreise nach Russland!

 

© SIK-ISEA; Die Interviews werden wie folgt zitiert: Interview von Michael Schmid mit Isabelle Krieg, 19. November 2007, SIK-ISEA.

 

 

Suchen
SIK-ISEA
Zollikerstrasse 32
Postfach 1124
CH-8032 Zürich
T +41 44 388 51 51
F +41 44 381 52 50
sik at sik-isea.ch

Warenkorb
Der Warenkorb ist leer