Interview mit Loredana Sperini, 6. Februar 2008, SIK-ISEA

 

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Interview mit Loredana Sperini (LS)

Geführt von Michael Schmid (MS), SIK-ISEA

Im Atelier der Künstlerin, Zürich

6. Februar 2008

 

MS: Du hast eine Ausbildung als Textildesignerin gemacht. War es damals schon klar, dass Du einmal Kunst machen willst?

 

LS: Nein, überhaupt nicht. Das war für mich in weiter Ferne. Es war ein langer Weg dahin.

 

MS: Gab es ein Interesse für Gestaltungsfragen? Oder hast Du gerne gezeichnet?

 

LS: Man ist extrem jung, wenn man eine Lehrstelle sucht. Zuerst habe ich Textilzeichnerin gelernt. Dann habe ich eine Zusatzausbildung gemacht als Textildesignerin, weil ich da frei arbeiten konnte. Und das war damals eigentlich schon mein Traumberuf: Ich konnte den ganzen Tag malen für Textildrucke. Nach der Ausbildung habe ich einige Jahre auf dem Beruf gearbeitet, ging dann auf Reisen, und als ich zurückkam habe ich freelance als Textildesignerin gearbeitet.

 

MS: Du warst damals in St.Gallen, oder?

 

LS: Ja, danach habe ich den Vorkurs an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich gemacht...

 

MS: ... als Input für das Textildesign, nicht für die freie Kunst?

 

LS: Es war einfach, um neue Medien kennen zu lernen. Ich habe mir gedacht: Ich bin jetzt Textildesignerin, und ich mache das vielleicht mein ganzes Leben lang, aber jetzt hätte ich noch die Möglichkeit, diesen Vorkurs zu machen. Ich lernte an der Schule dann die Fachklassen kennen und durch Gespräche mit meinen Dozenten war schnell klar, dass die Kunstklasse für mich eine spannende Möglichkeit wäre, die ich bisher noch nicht kannte.

 

MS: Man hat ja auch seine Klischees, was ein Künstler ist, seine soziale Rolle, und da sieht man sich dann vielleicht auch nicht so drin. Es gibt ja unterschiedliche Sozialisationsmuster: Es gibt Leute, die wachsen in so einem Kontext auf, und für die ist es klar, dass man Künstler wird. Und andere kommen ganz woanders her.

 

LS: Ich hatte überhaupt keinen Bezug zum Kunstbetrieb. Meine Eltern hatten nichts mit Kunst zu tun, und in Lichtensteig, wo ich aufgewachsen bin, wurde es auch nicht gefördert. Es war mir sehr fremd. Ich kannte die klassischen Künstler. Und über zeitgenössische Künstler hatte man auf dem Land ein sehr spezielles Bild. Ich habe mich da nicht dazugehörig gefühlt.

 

MS: Gab es denn damals im Vorkurs oder in der Schule allgemein Leute, Künstlerinnen und Künstler, die Dich inspiriert haben oder die Du auch persönlich kennengelernt hast? Manchmal sind es die Lehrersonen, die wichtig sind, und manchmal ist es einfach das ganze Umfeld, also die anderen Studierenden.

 

LS: Ich glaube, das war schon die Stimmung an der Schule. Ich war im Vorkurs mit Schwerpunkt Neue Medien, das war ganz neu, mit Film und Fotografie, und mein Fotolehrer war damals Istvan Balogh. Er hat mich sehr gefördert und dazu animiert, mich in die Fotografie zu vertiefen. Das war auch die Zeit, wo die visuellen Tagebücher so populär waren: Annelies Strba, Diane Arbus, Nan Goldin usw. Das fand ich sehr spannend.

 

MS: Hat Dich dieser Blick aufs Private denn interessiert? Ich könnte mir vorstellen, dass das ein starkes Movens in Deiner Arbeit ist.

 

LS: Ja, damals hat mich das sehr interessiert.

 

MS: Und warum bist Du nach dem Vorkurs in Zürich nach Luzern an die Kunsthochschule gegangen?

 

LS. Obwohl ich damals wusste, dass ich Fotografie als Schwerpunkt machen werde, war für  mich die Kunstklasse Luzern interessant.

 

MS: Und wie hat der Studiengang da geheissen?

 

LS: Bildende Kunst...

 

MS: ... nicht mehr Fotografie...

 

LS: ...nein, obwohl ich während des Studiums vor allem fotografiert habe. Aber es war auch schwierig, weil eigentlich Malerei meine Leidenschaft war. Das kam vom Textildesign her, aber ich hatte einfach noch nicht die Distanz zum Textilen. Am Anfang hatte ich noch versucht zu malen, aber die Bilder verharrten im Dekorativen.

 

MS: Du warst noch zu nahe, bist dann aber immer ins Andere hineingerutscht und hast für Dich noch nicht die Trennung gefunden?

 

LS: Nein, überhaupt nicht. Sie waren einfach schön, das Ganze bewegte sich aber sehr an der Oberfläche.

 

MS: Und dann hast Du das Medium der Fotografie zwischen Dich geschoben...

 

LS: ...ja, mit der Kamera zu arbeiten, war für mich eine Möglichkeit, verstärkt nur mit dem Auge und der Technik zu arbeiten. Ich lernte, anders zu schauen. Es war gut, dass ich das Handwerk des Malens beiseite legen musste und so Distanz gewinnen konnte.

 

MS: Was hast Du denn fotografiert?

 

LS: Ich habe mein Umfeld fotografiert.

 

MS: Also Freunde?

 

LS: Ja, ich habe Jugendliche jahrelang fotografiert, ebenso wie Freunde und Familie. (Pause). Obwohl es nicht wirklich meine absolute Leidenschaft war, stimmte es so für mich.

 

MS: Du hast es für Dich einmal so durchgezogen...

 

LS: ...ja, es war aber auch wichtig, dass ich das gemacht habe, weil ich so lernen konnte, anders zu schauen und zu arbeiten. (Pause).

 

MS: Bekannt geworden bist du dann mit Stickereien. Hast Du damit gleich nach dem Studium begonnen?

 

LS: Nein, am Schluss der Ausbildung habe ich noch Video gemacht, auch für meine Diplomarbeit.

 

MS: Hat es sich im Laufe des Studiums schon herauskristallisiert, dass Du den Weg der freien Bildenden Kunst verfolgen möchtest?

 

LS: Ja, schon, aber ich wusste nicht wie. Ich wusste einfach, dass ich nicht als Fotografin arbeiten wollte oder als Videokünstlerin. Ich probierte ganz viel aus und scheiterte auch immer wieder.

 

MS: Um das zeitlich einzuordnen: Wann war das?

 

LS: Das war 2000.

 

MS: Das Studium ging von 1996 bis 2000?

 

LS: Ja, genau. Und danach habe ich sehr gezweifelt. Aber dann wurde ich für eine Assistenzstelle in der Schule in Luzern angefragt. Und als ich wieder dort war, hat es mich wieder sehr gereizt, als ich sah, wie alle an ihrer Arbeit dran waren.

 

MS: Als Du alleine warst, warst Du wie in einer Art Vakuum?

 

LS: Ich hatte zwar viel gearbeitet, aber mir zu viel Druck gemacht, glaube ich. Als ich wieder an der Schule war, konnte ich mich auch wieder entspannen. Das Sticken ist dann wie von alleine passiert.

 

MS: Aber hast Du schon früher gestickt? Vor Deiner Ausbildung, vor Luzern?

 

LS: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte bei der Fotografie einfach extrem viel produziert, und ich wollte nicht mehr mit dieser Masse von Bildern umgehen, mich hat viel mehr das Einzelbild interessiert. Daraufhin habe ich angefangen zu zeichnen. Aber die Zeichnungen waren noch zu sehr in der Schwebe. Dann habe ich angefangen, diese Zeichnungen zu sticken, und das war im Vergleich zur Fotografie ein extremer Kontrast.

 

MS: Es ist ja wirklich ein Zurück-zum-Handwerk, fast noch stärker als die Zeichnung, weil Du noch langsamer bist – so stelle ich mir das zumindest vor.

 

LS: Es ist viel haptischer. (Pause). Und ich hatte dann beide Leidenschaften: Das Textile und die Kunst, die ich nun zusammenbringen konnte. Ich hatte diesen zeitlichen Abstand gebraucht, aber dann war es auf einmal da. (Pause). Das Sticken braucht extrem viel Zeit, und das hat mir sehr gefallen, dieses Aushalten des Bildes.

 

MS: Um sich das vorzustellen: Der Ausgangspunkt ist eine Zeichnung, und das stickst Du dann?

 

LS: Ja, aber die Zeichnungen haben immer noch etwas offenes, sie sind noch nicht wirklich fertig gedacht. Und beim Sticken geschieht auch noch ein Eingriff. Das Sticken ist ein Zeichnen mit dem Faden, bei dem sich das Bild Stich um Stich neu entwickelt, manchmal der Vorlage folgt und manchmal eigene Wege geht. Man muss anders denken.

 

MS: Das heisst, Du variierst dann beim Sticken?

 

LS: Ja, ich bleibe irgendwo hängen, mache viel wieder auf und probiere aus. Dadurch entsteht eine andere Genauigkeit und Tiefe.

 

MS: Das hat dann vielen Leuten sehr gut gefallen. Das hat sicher auch mit dem Medium der Stickerei zu tun, das Du wieder aktualisiert hast in Verbindung mit diesen Zeichnungen...

 

LS: ...ja, der Erfolg hat mich sehr überrascht. (Pause). Ich habe dann einige Porträts gemacht und diese für die städtischen Stipendien in Luzern eingegeben. Damit habe ich ein Stipendium gewonnen. Ich hatte ewig lange an einer Stickerei. Heute könnte ich die vielleicht etwas schneller sticken, aber damals musste ich auch so viel überlegen, wie ich das genau möchte...

 

MS: ...auch technisch, handwerklich...

 

LS: ...ja, ja...

 

MS: ...hast Du es Dir denn selber beigebracht?

 

LS: Ja, und weil ich verschiedene Geldjobs hatte, war es gut, dass ich die Stickereien überall hin mitnehmen konnte. Im Migros Museum an der Kasse habe ich immer gestickt, und im Zug, wenn ich nach Luzern arbeiten ging...

 

MS: ...richtig feminine Heimarbeit (lacht)...

 

LS: ... ja, aber sie war mobil. Und das hat mir auch gefallen. Es geht mir nicht darum, an die “Stickerei als Frauenkunst” anzuknüpfen, ich benütze das Medium Sticken, um meine Bilder umsetzen zu können. Zudem fand ich es bei der Fotografie mühsam, dass man vieles nicht selber machen konnte. Zumindest ich nicht.

 

MS: Du hast nicht den ganzen Produktionsprozess in der eigenen Hand.

 

LS: Ja. Die Stickerei habe ich immer vor mir und kann sofort eingreifen. Das hat mir schon sehr gepasst. Sie entwickelt sich Stich für Stich.

 

MS: Aber motivisch waren diese ersten Arbeiten in der Tradition eines persönlichen Tagebuchs? Gewisse Werke von Dir sind ja unterschrieben mit einem Namen von Leuten aus Deinem Umfeld oder Freundeskreis. War dieses Konzept noch im Hintergrund?

 

LS: Diese ersten Fotos dienten nicht als Vorlage. Es waren auch nie gefundene Bilder oder Medienbilder. Die portraitierten Menschen auf meinen Bildern sind Bekannte oder Freunde. Die Bilder werden nur nach ihren Vornamen benannt. Weil die Titel dadurch nicht erklärend sind, lassen sie es dem Betrachter offen, eigene Geschichten in den Bildern zu lesen.

 

MS: Man muss zu den Stickereien noch sagen: Sie sind auf der einen Seite sehr filigran, fein und zerbrechlich, auf der anderen Seite sind sie vom Motivischen her auch ein bisschen bedrohlich. Finde ich zumindest, ich weiss nicht, ob Dir das auch schon jemand gesagt hat...

 

LS: ...ja, doch.

 

MS: Wenn wir jetzt mal von Deinen ersten Stickereien sprechen: Die Personen lösen sich auf, die Hälfte des Gesichts sieht man dann gar nicht, oder es gibt Punkte, die um den Kopf schwirren oder wie ein Bienenschwarm aus dem Mund kommen. Das ist schon unangenehm, wenn man den Leuten dabei zusehen muss.

 

LS: Bei meiner Diplomarbeit, bei diesen Videoarbeiten, war da schon ein Anfang sichtbar...

 

MS: ...die Auflösung der Körper?

 

LS: Ja, ich habe damals Aktionen mit mir selber gemacht, mit verschiedenen Materialien, wo ich eingegriffen habe. Das geschah aber nicht öffentlich.

 

MS: Also wie bei einer privaten Performance, wo der Körper verändert wird, zum Beispiel mit Farbe?

 

LS: Ja, mit ganz vielen verschiedenen Materialien. Aber beim Zeichnen konnte ich so richtig in der Arbeit versinken. Es gab jeweils Momente im Bild, die mich interessierten, und an denen bin ich dann hängen geblieben und ihnen nachgegangen. Die Bilder lassen dem Betrachter viel Spielraum für eigene Gedanken und Interpretationsmöglichkeiten...

 

MS: ...das ist für mich auch immer ein Zeichen eines guten Kunstwerks, wenn es sehr breit anschlussfähig ist und  wenn es ganz unterschiedliche Leute anspricht. Es ist nicht einfach ein Gegenüber, das nichts auslöst, sondern es hat sehr viele Andockstellen. Das heisst, das Kunstwerk trifft irgendetwas, das uns alle beschäftigt, aber man kann vielleicht auch gar nicht so genau artikulieren, was es ist.

 

LS: Ja, genau.

 

MS: Bei Deiner Arbeit fällt auf, dass früh schon Pflanzen vorkommen, Äste, Blätter. Die Figuren sind dann verstrickt in diese Äste, oder die Pflanzen wachsen sogar aus den Körpern.

 

LS: Am Anfang war es oft so, dass der Figur immer von innen etwas passiert ist. Mit der Zeit sind die Eingriffe auch von aussen gekommen.

 

 MS: Du wurdest dann mit Deinen Zeichnungen und Stickereien für verschiedene Ausstellungen eingeladen: Kunstmuseum Thun, Helmhaus, Kunstmuseum Solothurn. Wenn man dann sieht, was Du nachher gemacht hast, fällt auf, dass es eine sehr kontinuierliche Weiterentwicklung gegeben hat. Zum einen motivisch zum anderen vom Material her. Man fragt sich dann ja immer...

 

LS: ...wie es weiter geht (lacht)?

 

MS: Bei Dir habe ich dann gesehen, dass Du mit Wachsreliefs begonnen hast...

 

LS: ...ja, genau...

 

MS: ...was auch eine Weiterentwicklung zu diesen Stickereien ist, weil es auch eine Art von ganz feinem...

 

LS: ...Relief ist...

 

MS: ...genau.

 

LS: Zuerst habe ich mit diesen schwarzen Reliefs in der Kunsthalle St. Gallen begonnen, und dann kamen die weissen. Das reliefhaft Haptische meiner Stickereien hat mich immer sehr interessiert.

 

MS: Du hattest die ja auch die ganze Zeit unter Deinen Händen...

 

LS: ...ja, das fand ich spannend. Und ich habe mir immer vorgestellt, wie es wäre, wenn mir das Relief mehr entgegenkommen würde. Dann kam diese Anfrage von der Kunsthalle St. Gallen, und da wollte ich zuerst ein Relief giessen lassen. Über Umwege kam ich zu diesem Wachs. Das war auch ein Ausprobieren.

 

MS: Ist das Kerzenwachs?

 

LS: Das ist Parafin mit Mikrofaserwachs. (Pause). Die Kunstgiesserei St.Gallen bereitet mir  jeweils diese Mischung vor.

 

MS: Wie muss man sich das vorstellen? Das ist flüssiges Wachs, das Du mit einem Pinsel oder einem Spachtel aufträgst?

 

LS: Ja, ich habe Fritteusen, mit denen ich das Wachs schmelze, und mit dem Pinsel male ich Schicht um Schicht. Ich fand es spannenend, dass man das Relief herausarbeiten kann. Damit habe ich die erste Wachsarbeit in St. Gallen gemacht. Ich fand das sehr befreiend. Bei der Stickerei war es so, dass ich sehr minuziös gearbeitet hatte, bis jeder Strich zu meiner Zufriedenheit sass. Das Wachs hat sich irgendwie selber eingebracht, fing von selber an zu fliessen...

 

MS: ...und das Wachs ist dann einfach der Schwerkraft gefolgt (lacht).

 

LS: Das Wachs hat angefangen zu fliessen oder hat dann begonnen, irgendwelche Strukturen zu bilden, die ich so nicht vorgesehen hatte. Das Wachs schuf eine eigene, neue Ebene im Bild, das war eine Qualität, die mir sehr gefiel. Das Arbeiten war viel grosszügiger in der Bewegung.

 

MS: Du hast dann auch das Format gesprengt. Bei der Stickerei bist Du auch von Deiner Arbeitskraft her limitiert und kannst nicht 10 Meter auf 3 Meter füllen.

 

LS: (Lacht) ja, das war super.

 

MS: Da hattest Du plötzlich einen grösseren Aktionsradius.

 

LS: Das hat vieles gelöst. (Pause). Natürlich wollte ich auch in der Stickerei weiterkommen. Aber es war gut, dass die Wachsmalerei dazugekommen ist.

 

MS: Die weissen Reliefs sind aber technisch anders gemacht, oder nicht?

 

LS: Nein, sie sind einfach feiner gemalt.

 

MS: Gibt es dort auch das Phänomen, dass das Wachs runterfliesst?

 

LS: Nein...

 

MS: ...ich war mir nicht sicher, ob das gegossen wurde...

 

LS: ...ja, sie haben ein wenig diese Ästhetik. Aber das ist alles Malerei. Die schwarzen Bilder sind grosszügiger in der Gestik. Die mache ich meistens in grossen Formaten. Und die weissen sind diese kleinen, ganz präzisen, sauberen Bilder. (Pause). Das war dann der erste Schritt, um in den Raum zu gehen, wenn auch immer noch nicht wirklich. Mich haben immer stärker diese Stellen zu interessieren begonnen, wo Momente schon fast dreidimensional köperlich herausgearbeitet waren. Und der Wunsch war natürlich schon immer der, diese Reliefwelt, also die Figuren, in den Raum zu stellen.

 

MS: Bei Deinen jüngsten Werken sieht man jetzt, dass Deine Arbeit installativ wird und in den Raum hinauswächst.  Und zugleich sieht man auch dort wieder diese kontinuierliche Weiterentwicklung von Themen: Gerade das Motiv mit diesen Pflanzen oder Ästen, das man von Deinen Zeichnungen oder Stickereien her kennt, nimmst Du nun räumlich auf. Es gibt einen Sockel, darauf gibt es einen Spiegel, und auf dem Spiegel liegen Äste, in denen sich Wachsabgüsse von Händen befinden. Das bedeutet, die Motive wachsen nun real in den Raum, durch den Spiegel gibt es eine Tiefenverdoppelung, und der Betrachter kommt auch noch ins Bild. (Pause). Das heisst, Deine Arbeit löst sich nun aus dem Intimen und wird immer öffentlicher.

 

LS: Ja, genau. (Pause)

 

MS: Du arbeitest jetzt ja auch mit zugeschnittenen Spiegeln, die ein Bild formen, und darin spiegelt sich natürlich auch der Betrachter.

 

LS: Ja, und man sieht sich zerstückelt...

 

MS: ... wird selber ein Akteur...

 

LS: ...die Schnitte zerlegen den Körper.

 

MS: Wie hast Du das technisch realisiert?

 

LS: Ich mache eine Zeichnung, allerdings schon mit dem Bewusstsein, dass es für eine Spiegelarbeit ist. Für die Umsetzung arbeite ich immer mit Patrick Gosatti zusammen, der mir die Zeichnungen vektorisiert. Und dann macht er die Schnitte, und die kontrolliere ich dann...

 

MS: ... was heisst ‚vektorisiert’?

 

LS: Das heisst, mit dem Computer werden alle meine Bleistiftzeichnungen digitalisiert. Dann nimmt man Spiegelplatten, auf denen man präzise Schnitte anbringt.

 

MS: Das macht man dann auf dem Computer?

 

LS: Ja, und dann verteilt man die Teile der Arbeit in einem logischen System auf diese Platten, und das gibt man einer Firma, die die Daten in ihre Geräte einliest.

 

MS: Das wird dann geschnitten mit einem Laser?

 

LS: Ja, genau.

 

MS: Und dann kann man es am Schluss zusammensetzen.

 

LS: Ja, das ist dann wie ein Puzzle. Es ist sehr technisch, und ich kann diesen Teil nicht selber machen. Bei der ersten Zeichnung, die Patrick umsetzen musste, war ich sehr unzufrieden. Ich dachte, meine Handschrift geht verloren. Wir haben viel gekämpft, aber es war gut.

 

MS: Also, ihr habt zusammen diskutiert...

 

LS: ...ja, er hat mir immer wieder Arbeitsproben gezeigt, und ich habe gesagt: Nein, das geht nicht, und das geht auch nicht. Ich hatte einfach meinen Strich nicht darin gesehen, und für ihn war das auch alles neu. Er hat dann intensiv daran gearbeitet, und irgendwann hatte er dann meinen Strich drauf. Aber jetzt ist es perfekt, und Patrick ist mittlerweile zum Spezialisten geworden.

 

MS: Mir ist aufgefallen, dass die Arbeiten mit den Spiegeln durch die Entwicklung begünstigt wurden, dass Du flächiger geworden bist. Deine ersten Arbeiten waren sehr linear, und dann sind mit der Zeit immer mehr schwarze Flächen hereingekommen, so dass zum Schluss die dargestellten Gesichter nicht mehr durch die Umrisse gestaltet wurden sondern durch den Kontrast, den Sie als weisse Fläche auf einem schwarzen Grund erzeugen.

 

LS: Das stimmt. Ich hatte die Zeichnungen mit der Zeit ja immer mehr malträtiert.

 

MS: Es war nicht so, dass Du Themen hattest, die Du in dieser Zeit dringend bearbeiten wolltest? Ich habe in einigen Zeitungsartikeln über Dich Begriffe wie ‚Angst’ und ‚Grauen’ gelesen. Aber das sind Zuschreibungen von aussen.

 

LS: Nein, diesen Anstoss gab es überhaupt nicht. Es gibt einfach Arbeitszyklen, da zeichne ich nur und versuche, in der Zeichnung weiterzukommen. Die einzelnen Bilder sind innerhalb jedes Zyklus’ Teil einer Folge von mehreren Arbeiten, in denen ich einer bestimmten Stimmungen nachgehe.

 

MS: Du liest nicht die Zeitung und denkst: Das ist das, was als dunkle oder schwarze Phantasie in uns allen schlummert?

 

LS: Nein.

 

MS: Trotzdem ist es auffällig, dass diese Assoziationen ausgelöst werden. In denke da an Deine Arbeit in der Kunsthalle St. Gallen, wo das durch das schwarze, tropfende Wachs ausgelöst wurde. Es gibt da eine Aufreihung von Köpfen, und dann sieht das vielleicht wie Blut aus, das herunterrinnt.

 

LS: Ja, aber ich empfinde es auch als schön.

 

MS: Ja, klar, diese Ambivalenz zeigt sich ja schon in Deinen ersten Arbeiten.

 

LS: Ich mache das nicht bewusst, es geschieht einfach.

 

MS: Ja, das ist wie ein Werkzeugkasten, aus dem Du Dich immer wieder bedienst. Ich habe mich bei Deinen jüngsten Ausstellungen auch gefragt, ob Du jetzt noch stärker installativ wirst. Es gibt zum Beispiel eine Arbeit, wo Schmetterlingsflügel aus den Fingern einer in Wachs gegossenen Hand wachsen.

 

LS: Ich weiss nicht, in welche Richtung es sich weiterentwickelt. Es ist nicht planbar. Vieles entsteht einfach beim Machen. Eigentlich war immer der Wunsch da, diese Welten der Zeichnung in den Raum zu bringen. Ich habe jetzt mal mit Fragmenten angefangen. Deshalb habe ich in den Installationen vor allem mit den Händen als Objekten gearbeitet. Es gab in der Ausstellung aber auch zwei Figuren: Die eine davon war im Keller. Sie stand vorher in einer Ausstellung in Appenzell. (Pause). Ich weiss noch nicht, wie ich weitermache, aber die Stickerei wird sicher immer da sein, weil sie einfach meine Leidenschaft ist.

 

MS: Dahin kehrst Du immer wieder zurück.

 

LS: Ja, ich möchte immer sticken. Das Zeichnen ist der Ort, wo ich beim Arbeiten im Bild weiterkomme und wo der Ausgangspunkt für meine Arbeit liegt. Ich würde in Zukunft gerne verstärkt installativ arbeiten, es ist aber eine grosse Herausforderung, weil ich von der zweidimensionalen Welt, von der Fläche her komme. Das Dreidimensionale hat einen ganz anderen Anspruch, und ich wage mich nur Schritt für Schritt heran. Es ist ein Weg, den ich gehen möchte, aber einer, auf dem ich nur langsam vorwärts gehe.

 

MS: In Deiner Arbeit mit den Spiegeln gibt es diese optische Verschmelzung mit der Fläche. Der Spiegel ist wie eine Fläche, auf die die Dinge dann projiziert werden.

 

LS: Ja, genau.

 

MS: Die Arbeiten mit Spiegeln sind formal mit den Zeichnungen verwandt, aber sie werden nun mit anderen Medien weiterentwickelt. So gesehen, stehen auch sie für eine organische oder langsame Entwicklung.

 

LS: Ja, das hat vielleicht auch damit zu tun, dass alles ein Suchen ist, und die Arbeiten ihren eigenen Weg gehen. Durch das Machen und auch immer wieder durch das Scheitern ergeben sich Zufälle, die man annehmen muss. Und weil es in einem Prozess passiert, hat alles seine Richtigkeit. Auch mit den Schmetterlingen war es so: Die erste Idee war ein wenig anders, aber ich hatte dann beim Probieren gemerkt, dass die Idee so nicht funktionierte und musste weiterprobieren, bis ich die Arbeit interessant fand.

 

MS: Ich habe einen Artikel über Dich gelesen, wo Du sagst, es ginge darum ‚Unsichtbares sichtbar zu machen’. Das ist ja ein ähnliches Zitat wie jenes von Paul Klee: ‚Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar’.

 

LS: Ich habe das nicht auf dieses Zitat bezogen, aber ich habe das natürlich nicht erfunden. Ich sagte es in Bezug auf die ersten Bilder, wo den dargestellten Personen diese Eingriffe passieren von innen und von aussen, wo man nicht genau weiss, was da geschieht. Es war ein guter Satz, der das wiedergeben konnte.

 

MS: Ich stelle die Frage deshalb, weil es mich Wunder nimmt, inwiefern für Dich auch Figuren in der Kunstgeschichte wichtig sind. Es ist die Frage nach Vorbildern oder auch Leuten, die Du zur Zeit verfolgst.

 

LS: Es gibt natürlich einige Künstler, die ich sehr schätze.

 

MS: Als ich zum Beispiel die Arbeit sah mit der Hand und den Schmetterlingen, habe ich mich an Louise Bourgeois erinnert gefühlt, obwohl es vielleicht nicht direkt etwas damit zu tun hat.

 

LS: Eigentlich versuche ich immer so zu arbeiten, dass ich mich nicht auf etwas beziehe, sondern dass es wirklich im Arbeitsprozess entsteht. (Pause).

 

MS: Du warst im letzten Jahr mit einem Stipendium von Landis & Gyr in Berlin, jetzt bist Du wieder in Zürich. Ist Zürich der beste Ort für Dich, um zu arbeiten? Ich kenne auch Künstler, die sagen, Berlin sei der bessere Produktionsort...

 

LS: ...ich finde beides ideal. Ich habe mich sehr wohl gefühlt in Berlin, und ich wollte gerne bleiben und mir eine Zweitwohnung oder einfach eine Arbeitsmöglichkeit einrichten. Ich habe gemerkt, dass ich in Berlin sehr gut arbeiten kann.

 

MS: Du hattest dort die Ruhe, die Du brauchst?

 

LS: Ja, ich mag die Stadt, Du kennst ja Berlin, alle wollen dahin (lacht).

 

MS: Im Moment ist die Stadt sowieso ein sehr starker Magnet, war sie immer wieder.

 

LS: Berlin hat einen ganz andern Rhythmus als Zürich. Zürich ist ziemlich cool, und alle sind immer im Stress. Berlin hat diesen anderen Takt, und das hat mir gefallen, obwohl ich diesen selber nicht unbedingt annehmen wollte...

 

MS: ...Frühstück bis abends um acht (lacht)...

 

LS: ...genau. Ich fand das toll ab und zu, aber ich wollte auch etwas machen. Ich bin schon jemand, der gerne arbeitet. Aber ich bin natürlich auch rausgegangen.  Was ich auch toll fand, sind diese verschiedenen Bezirke. Nach Kreuzberg geht man zum Beispiel wegen der Stimmung, es gibt viele Künstler da und Konzerte, und in einen anderen Bezirk geht man wegen etwas Anderem. Jeder Stadtteil von Berlin hat eine eigene, starke Qualität, und in Zürich ist das sehr begrenzt. Man geht nicht einfach mal nach Schwamendingen.

 

MS: Deine jüngsten Arbeiten speisen sich ja auch direkt aus Deinem Aufenthalt in Berlin.

 

LS: Ich hatte für meinen Aufenthalt in Berlin nicht viele Materialien mitgenommen, ich wollte da neu anfangen. Und ich hatte mich erst extrem unter Druck gesetzt. Dann habe ich gemerkt, dass das nicht geht. Ich habe angefangen zu zeichnen und habe mich so auf sicherem Terrain bewegt. Und das war sehr gut, weil ich dadurch wieder Ruhe finden konnte. Ich wollte zuerst zu viel. Dann habe ich aber zwei Skulpturen gemacht und hatte schon Ideen, wie es weitergeht...

 

MS: ...diese lebensgrosse sitzende Skulptur, die vornüber geneigt ist?

 

LS: Ja, genau. Porzellanskulpturen habe ich ebenfalls in Berlin gemacht. Und gezeichnet und gestickt und für mich überlegt, wie es weitergeht.

 

MS: Am Schluss warst Du...

 

LS: ...ja, am Schluss war ich extrem zufrieden. Ich habe die Zeit genossen, und ich habe viel gearbeitet. Ich habe viel gelesen, nächtelang. Ich habe diese Zeit wirklich sehr genossen.

 

MS: (Pause). Welches sind Deine nächsten Projekte oder auch Ausstellungen?

 

LS: Ich mache ein Projekt in Brescia, Italien, dann mache ich eine Ausstellung in London, und im Sommer nehme ich im Kunsthaus Zürich an der Ausstellung Shifting Identities teil. Dort gibt es eine Weiterentwicklung dieser Spiegelarbeit. Es wird wahrscheinlich dann auch so sein, dass man die Ausstellung von oben herab sehen kann, und das könnte mit den Spiegeln sehr spannend werden.

 

© SIK-ISEA; Die Interviews werden wie folgt zitiert: Interview von Michael Schmid mit Loredana Sperini, 6. Februar 2008, SIK-ISEA.

 

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