Forschungsprojekte

Kunsttechnologische Forschungen zur Malerei von Cuno Amiet 1883–1914

Leitung
Karoline Beltinger
Team
Ester S. B. Ferreira, Nadim C. Scherrer, Karin Wyss
Partner
Hochschule der Künste Bern (HKB), naturwissenschaftliches Labor des Fachbereichs Konservierung und Restaurierung
Autorinnen
Karoline Beltinger, Ester S. B. Ferreira, Karin Wyss
Laufzeit
2008–2014

Projektbeschrieb

Im Rahmen des Projekts wurden Atelierpraxis, Maltechnik und Malmaterialien von Cuno Amiet (1868–1961) untersucht; der Fokus lag dabei auf dem frühen Œuvre bis 1914.

An rund 60 Werken wurden Bildträger, Grundierungen, Unterzeichnungen, Malfarben und Firnisse sowie die Besonderheiten von Amiets Technik und Arbeitsprozess untersucht. Dabei kamen Stereomikroskopie, ultraviolettes Licht, Infrarot-Reflektografie, Infrarot-Transmission und Röntgendurchstrahlung zum Einsatz; für Materialanalysen standen Mikro-Röntgenfluoreszenz (µRFA), Auflichtmikroskopie an Proben-Anschliffen, Infrarot-Mikrospektrometrie (FTIR), Polarisationsmikroskopie (PLM), Raman-Spektroskopie, Rasterelektronenmikroskopie (REM), Direkt-Massenspektrometrie (DT-MS) und Gas-Chromatografie-Massenspektrometrie (GC-MS) zur Verfügung.
In Ergänzung zu den Untersuchungen an den Gemälden wurden die Korrespondenz, andere Schriften des Künstlers und Zeugnisse von Zeitgenossen auf Aussagen zur Amiet’schen Maltechnik sowie zu Herkunft und Beschaffenheit seiner Malmaterialien gesichtet und die von ihm und anderen Künstlern zu Rate gezogene zeitgenössische maltechnische Fachliteratur ausgewertet. Ferner wurden die Einflüsse untersucht, denen der junge Künstler während seiner Lehr- und Wanderjahre in München, Paris und im bretonischen Künstlerdorf Pont-Aven ausgesetzt war und die später durch die Begegnung mit der Malerei der «Brücke»-Künstler auf ihn und seine Maltechnik wirkten.

Amiet war fasziniert von den expressiven Möglichkeiten, die sich ihm durch die Verwendung unterschiedlicher Farbsysteme und Farbauftragstechniken eröffneten. Schon in seiner frühen Schaffenszeit unternahm er maltechnische Experimente. Sein Interesse galt unter anderem den sogenannten «Temperafarben», die sich um die Wende zum 20. Jahrhundert in ganz Europa grosser Beliebtheit erfreuten. Im Rahmen des Projekts wurde nicht nur Amiet selbst, sondern auch der Kreis der Schweizer Künstlerkollegen, die zur selben Zeit mit Temperafarben experimentierten, anhand verschiedener Quellen unter die Lupe genommen. Konkrete Hinweise auf Temperagemälde aus der Zeit um 1900 wurden gesammelt und die Farbschichten solcher Werke im Rahmen des weiterführenden Projekts Analyse von Temperafarben aus der Zeit um 1900 sorgfältig analysiert. Die Analysebefunde wurden laufend mit den Angaben in den Quellen verglichen.

Gemeinsam mit der kunsthistorischen Forschung im Rahmen des Catalogue raisonné Projekts Cuno Amiet. Die Gemälde 1883–1919 wurden zudem Echtheits- und Chronologiefragen bearbeitet.
Eine weitere Facette des Projekts bestand in der Untersuchung der altersbedingten Veränderungen, die Amiets Gemälde seit ihrer Entstehung erfahren haben. Schadensphänomene, die an den Farbschichten mancher früher Gemälde festgestellt worden sind, wurden analysiert und rekonstruiert. Das Wissen über die chemischen Zerfallsprozesse, die solchen Veränderungen zugrunde liegen, wurden insbesondere im Rahmen des Projekts Reactivity and material transport in paintings durch gezielte Analysen vermehrt.

Der dritte Band der Schriftenreihe KUNSTmaterial erschien im Verlag Scheidegger & Spiess.

Der Blickpunkt im Jahresbericht 2014 gibt einen fundierten Einblick in das Projekt.

Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung 30/1, 2016

ZAK, Band 73, Heft 3/2016 

Cuno Amiet, Selbstbildnis mit Gattin, 1899, Tempera auf Gewebe, 76 x 52 cm, Collezione Città di Lugano. Wie aus Quellen und Materialanalysen hervorgeht, verwendete Amiet für dieses Bild eine Ei/Öl-Tempera, die sogenannte «Lompeck’sche Tempera»

Cuno Amiet, Selbstbildnis mit Gattin, Detail aus der Wange von Anna Amiet. Die in vielen Schichten aufgetragene Farbe war beim Auftrag sehr zähflüssig, so dass die einzelnen Pinselzüge als Ansammlung von Farbfetzchen mit ausgefransten Rändern erscheinen.

Cuno Amiet, Stillleben mit rotem Tuch, 1913, Ölfarbe auf Gewebe, 59 x 72,5 cm, Kunstmuseum Solothurn. Die Farbe der gelben Blüten ist mit Strontium- und Cadmiumgelb pigmentiert und stellenweise stark verbräunt.

Cuno Amiet, Stillleben mit rotem Tuch, Detail, im Streiflicht, mit verbräunten Partien.

Cuno Amiet, Stillleben mit rotem Tuch, Querschliff einer Farbprobe aus einer ursprünglich gelben, heute verbräunten Partie. a) Aufnahme im Lichtmikroskop (Hellfeld, mit gekreuzten Polarisationsfiltern). Die Verbräunung hat nur an der Oberfläche stattgefunden, im Inneren ist der Farbton unverändert. b) wie a), unter ultravioletter Strahlung (365 nm). Die veränderte Oberfläche enthält leicht fluoreszierende Komponenten.

Publikation «Kunsttechnologische Forschungen zur Malerei von Cuno Amiet 1883–1914»

Das Projekt wurde unterstützt von:

  • Schweizerische Akademie der Geisteswissenschaften SAGW, Bern
  • Sophie und Karl Binding Stiftung, Basel   
  • Swiss Re, Zürich  
  • Öffentliche und private Sammlungen (durch die Leihgabe von Gemälden)
  • Sowie von einer Stiftung, die anonym bleiben möchte